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Das besondere Buch: Der letzte Tango des Salvador Allende von Roberto Ampuero

Der letzte Tango des Salvador Allende, Quelle: Berlin Verlag

Der letzte Tango des Salvador Allende, Quelle: Berlin Verlag


Mich haben schon immer die lateinamerikanischen Schriftsteller begeistert, die großartige Erzähler sind und es verstehen, in ihren Romanen die strickte Trennung zwischen Fiktion und Realität aufzuheben. Der Chilene Roberto Ampuero, der derzeit der erfolgreichste Autor seines Landes ist, reiht sich da nahtlos unter die Liste der besten lateinamerikanischen Gegenwartsautoren ein. In seinem neusten Roman „Der letzte Tango des Salvador Allende“ beleuchtet er facettenreich den Seelenzustand Chiles zur Zeit der Regierung Allendes.

Durch einen eleganten Kunstgriff lässt Ampuero ausgerechnet einen ehemaligen CIA-Agenten die Geschichte erzählen. David Kurtz reist zurück nach Chile, um seiner an Krebs gestorbenen Tochter Victoria ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Er soll einem gewissen Héctor Anibal, einem Chilenen, den sie in Santiago kennengelernte, einen Teil ihrer Asche bringen. Eine schwierige, schmerzhafte Aufgabe für ihn. Ohne festen Plan folgt er einfach den Wegen, die sich ihm auftun. „Ich habe das Gleiche herausgefunden wie jeder, der seine Familie verloren hat: dass ich mir nicht genug Zeit für sie genommen habe“. Auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Tochter helfen ihn ein altes Foto mit drei Chilenen und das Tagebuch eines Mannes, der in den letzten Monaten Salvador Allendes Koch und Freund war. Rufino hält die dramatischen Ereignisse vor dem Putsch durch Augusto Pinochet, dem Oberbefehlshaber der chilenischen Streitkräfte, fest.

Allende privat
In dem Tagebuch erzählt Ampuero ihre gemeinsame Geschichte, von den abendlichen Schachspielen und Gesprächen über das Leben, die Liebe und den Tangos, von Allendes Liebschaften und den Sorgen um das Land. Er beschreibt Allende als „ein Wesen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen, Überzeugungen und Zweifeln, ein unbeugsamer Revolutionär und genusssüchtiger Bourgeois, der Besitzer einer Seele, die sich wie ein Bandoeon zusammenzieht, wenn er abends erschöpft in sein kleines Zimmer in der Tomas Moro 200 heimkehrt“.

Begegnung mit der Vergangenheit
Die Spurensuche des ehemaligen CIA-Agenten führt nach Santiago und Valparaiso an der chilenischen Pazifikküste, aber auch nach Leipzig zu einer Gruppe chilenischer Exilanten. Dabei begibt er sich nicht nur auf die Fährte nach dem geheimnisvollen Liebhaber seiner Tochter, sondern er begegnet auch seiner eigenen Vergangenheit. „Ich dachte an Victoria, an die kleine Urne mit ihrer Asche, die sich jetzt in Casandras Wohnung befand. Ich dachte an meine verstorbene Frau, an den Roman oder die Erinnerungen von Rufino, an Casandra und die Tarotkarten, an mein Leben für die Firma, an mein Haus in Minnesota, an diese Suche, die mich Wut, Verachtung und die Forderung erwartet hatten, meine Erinnerungen und meine Vergangenheit aufzugeben.“

Eindrucksvolles Zeitmosaik
In kurzen brillant geschliffenen Kapiteln wechselt ständig die Erzählperspektive zwischen David Kurtz und den Tagebuchnotizen des Rufino. Vorangestellt sind Zitate aus bekannten lateinamerikanischen Tangos und amerikanischen Rocksongs, die den Leser mühelos durch die ständigen Perspektivwechsel begleiten.
Ampuero ist ein großartiger Roman gelungen, der ein vielschichtiges Zeitmosaik der Präsidentschaft Allendes vor dem Leser ausbreitet. Die Lage im Land kurz vor dem Putsch wird immer angespannter, Streiks, Arbeitsniederlegungen, Besetzungen von Fabriken sind an der Tagesordnung. Nahrungsmittel werden knapp, Brot ist rationalisiert, die staatlichen Läden haben nichts mehr zu verkaufen. Allende ist allein und isoliert. Trotzdem bietet der den USA, der Opposition und den Streiks die Stirn, will den Sozialismus auf demokratischen Weg ohne Waffengewalt durchsetzen. Er ist bereit für seine Ideale zu sterben. Ganz anderes David Kurtz, der „siegreiche“ Geheimagent. „Die vielen Identitäten Täuschungen und Verstellungen, der Wunsch, eines Tages man selbst zu sein, quälen einen Agenten bis zu seinem Tod.“

Wider dem Vergessen
Ampuero ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Er spielt mit den Zeiten und Perspektiven, wirbelt die Geschichte mehrmals durcheinander, so dass dem Leser fast schwindelig wird. „Doch alles, was ich schreibe, ist absurd…Es hat nichts mit der Realität zu tun.“ Ampuero legt eine Vielzahl falscher Fährten legt, doch im Grund verfolgt er nur ein hehres Ziel: Er schreibt wider dem Vergessen, und dies ist ihm glänzend gelungen. Eine (fast) wahre Geschichte und wenn es sie nicht gegeben hätte, müsste ein Schriftsteller aus Lateinamerika sie erfinden.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. „Der letzte Tango des Salvador Allende“ ist kein klassischer Krimi, sondern ein spannender und facettenreicher zeitgeschichtlicher Spiegel, der eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlägt.

 

Roberto Ampuero
Der letzte Tango des Salvador Allende
Hardcover, 445 S.
Bloomsbury Berlin, 2013.

 

Ich danke dem Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

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