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Die Krimi-Rezension „Leaving Berlin“ von Joseph Kanon

Kanon Leaving Berlin, Quelle: C. Bertelsmann

Kanon Leaving Berlin, Quelle: C. Bertelsmann


Im Spionagethriller „Leaving Berlin“ lässt der amerikanische Autor Joseph Kanon atmosphärisch dicht die Zeit des Kalten Krieges und der Luftbrücke in Berlin wieder aufleben. Er erzählt die Geschichte des jungen Schriftstellers Alex Meier, der aus dem amerikanischen Exil nach Ostberlin zurückkehrt. Im Auftrag der CIA soll er dort wichtige Informationen über Sowjets sammeln und droht zum Spielball der Geheimdienste zu werden.

Berlin 1949, pausenlos ist das Brummen der „Rosinenbomber“ über der Stadt zu hören. Der Westteil wird nach der Blockade durch die Sowjets aus der Luft versorgt. Der junge Schriftsteller Alex Meier kehrt auf Einladung der Sowjets aus dem Exil in seine Heimatstadt zurück. Nicht ganz freiwillig, denn er hat mit der CIA einen verzweifelten Deal abgeschlossen. Vor dem Krieg flüchtete er als Halbjude vor den Nazis in die USA, nun drohte ihm als kommunistischer Sympathisant während der McCarthy-Ära das Gefängnis oder die Ausweisung. Er soll in Berlin nützliche Informationen über die sowjetischen Absichten und Agenten sammeln. Bewährt er sich, erhält er eine zweite Chance in Amerika, um seinen Sohn wiederzusehen.
Alex wird von den Sowjets als gefeierter Schriftsteller hofiert und bekommt ein Zimmer im größtenteils zerbombten Adlon und zusätzliche Essenspakete. Auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelt er zwischen den Trümmern durch die Ruinen der Innenstadt. Kanon zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild vom zerstörten Berlin. „Aber jetzt war die Stadt selbst nicht mehr, die Straßen ebenso wenig, nicht aus dem Gedächtnis getilgt, sondern aus der Zeit, die noch stehenden Ruinen, die zurückgelassenen Knochen, Aas.“
Im Kulturbund trifft Alex auf andere namhafte Künstler, darunter Berthold Brecht, Weigel und Anna Seghers, die ebenfalls zurückgekehrt sind. Doch Alex droht als Spitzel der Amerikaner Gefahr. Die Sektoren haben keine Bedeutung für die Russen, sie lassen mitten am Tag Leute einfach verschwinden. „Für Amateure ist das hier ein gefährlicher Ort“, erklärt ihm sein Kontaktmann Willy. Zumal Alex bald auf sich allein gestellt ist, da sein Kontaktmann bei einer Schießerei ums Leben kommt. Wem kann Alex noch trauen? Sein Auftrag, er soll über seine Jugendliebe Irene von Bernuth, die mit dem hochrangigen sowjetische Major Markowski liiert ist, an geheime Informationen kommen. Doch Alex ist nicht nur für die CIA von Interesse, sondern auch für „Ulbrichs Ohren“. Für die ostdeutsche „K5“, einem Vorläufer der Stasi, soll er kompromittiernde Informationen über Künstlerkollegen sammeln. Als Irenes Bruder Erich auftaucht, dem die Flucht aus dem Erzgebirge gelang, kommt er an wichtige Hinweise. Deutsche Zwangsarbeiter bauen unter widrigen Bedingungen in Aue Uran ab, das die Sowjets für den Bau von Atombomben brauchen. Alex eröffnet sein eigenes Spiel….

Kanon Spionagethriller ist eine spannende Geschichte mit viel historischen Hintergrundwissen über die verworrende Nachkriegszeit in Berlin. Sein Erzählstil ist geprägt von wortreichen Dialogen zwischen den Akteuren, die intelligent geschrieben sind und die Handlung voranbringen. Er hat dabei ein eindrucksvolles Ensemble zum Leben erweckt. Neben den üblichen Figuren des Spionagegenres, wie zwielichtige Auftraggeber, Verräter und Doppelagenten, beschreibt er das Schicksal von Menschen, die den Krieg entweder als Exilanten, Daheimgebliebene oder Soldaten überlebt haben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Familie von Bernuth, ehemalige Landjunker in Pommern, mit denen Alex vor dem Krieg eng befreundet war. Er erzählt in „Leaving Berlin“ ihre schicksalshafte Familiensaga anhand der Geschwister Irene, Erich und Elsbeth, die unterschiedliche Wege gingen und nach dem Krieg wieder zusammenfinden. Kanons gelingt es, authentisch die einzelnen Schicksale aufzuzeigen. Nicht nur die Stadt liegt in Trümmern, auch die alten Freundschaften haben ihr Gesicht gewandelt und die Aufarbeitung der Vergangenheit ist mitunter ein mühsames Unterfangen.

Einen zusätzlichen Reiz bekommt das Buch durch die Auftritt der damalige prominienten Ostberliner Schriftsteller, die als Vorbilder des „Neuen Deutschlands“ fungieren sollen. Kanon lässt in seinem Roman reale Personen der Zeitgeschichte auftreten. Berthold Brecht trifft im Kulturbund mit Alex zusammen und eindrucksvoll schildert er die Nachkriegspremiere von „Mutter Courage“ im Deutschen Theater.

„Leaving Berlin“ ist vor allem aber die Geschichte eines Mannes, der die Wandlung vom etwas naiven Informanten zum „Superspion“ durchmacht, der es am Ende gleich mit mehreren Geheimdiensten aufnimmt. Alex würde alles tun, damit er zu seinem geliebten Sohn zurückkehren kann. Doch er erkennt schnell, dass er niemanden trauen kann. Jeder bespitzelt jeden, die Stadt ist ein Tummelplatz der Geheimdienste. Alex versucht trotzdem, seinem innigen Wunsch treu zu bleiben, ohne dabei seine politische Überzeugung und seine alte Liebe Irene zu verraten. Alex steckt in einem schwierigen Dilemma und findet einen Ausweg, dafür ist ihm jedes Mittel recht. „Leasing Berlin“ ist im Grunde die brillante Geschichte eines Mannes, der in unsicheren Zeiten nur seinem eigen Gewissen treu bleibt.

Kurz&Knapp: Absolut lesenswert. „Leaving Berlin“ ist zugleich spannender Spionagethriller, schicksalhafte Familiensaga und authentisches Porträt über die Nachkriegswirren in Berlin zur Zeit der Luftbrücke.

Joseph Kanon
Leasing Berlin
Gebundenes Buch, 448 S.
Bertelsmann, 2015

Joseph Kanon, geboren 1946 in Pennsylvania, studierte am Trinity College in Cambridge und leitete u.a. viele Jahre einen renommierten amerikanischen Verlag, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Sein Roman „Die Tage vor Los Alamos“ wurde 1997 mit dem Edgar Award für das beste Debüt ausgezeichnet, ihm folgten mit „Der verlorene Spion“ und „In den Ruinen von Berlin“ (verfilmt unter dem Titel „The Good German“), „Stadt ohne Gedächtnis“ und „Die Istanbul Passage“, vier ebenfalls viel beachtete Werke. Kanon lebt mit seiner Frau, der Literaturagentin Robin Straus, in New York.

Ich danke dem C. Bertelsmann Verlag für das Rezensionsexemplar.

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